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Dem Frieden zuliebe

  • 18. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Früher war ich ein sehr aufbrausender Mensch. Ich habe immer direkt gesagt, was ich dachte – oft ungefiltert und manchmal verletzend. Damals hatte ich das Gefühl, mich verteidigen zu müssen. Heute weiß ich, dass hinter meinen Reaktionen meist etwas ganz anderes steckte: Verletzung, Unverständnis oder schlicht Überforderung. Wenn wir an unsere Grenzen kommen, suchen wir nach Strategien, um mit diesem inneren Druck umzugehen. Meine Strategie war es, laut zu werden und nach vorne zu gehen.

Erst durch die Hunde habe ich gelernt, mein eigenes Verhalten mit anderen Augen zu betrachten. Ein Hund, der bellt, knurrt oder bei Begegnungen ausrastet, ist nicht schwierig oder dominant. Er hat eine Strategie entwickelt, um mit einer Situation umzugehen, die ihn überfordert. Er tut in diesem Moment das Beste, was ihm möglich ist. Nicht, um zu provozieren, sondern um sich zu schützen. Als mir das bewusst wurde, habe ich verstanden, dass es bei mir nicht anders war.

Meine Wut war keine Charaktereigenschaft, sondern eine Bewältigungsstrategie. Wenn ich mich verletzt oder nicht verstanden fühlte, reagierte ich impulsiv. Wie viele Hunde habe auch ich versucht, Kontrolle zu gewinnen, wenn in mir alles zu viel wurde. Diese Erkenntnis war für mich unglaublich heilsam, denn sie hat mir gezeigt, dass hinter jedem Verhalten ein Bedürfnis steckt – bei unseren Hunden genauso wie bei uns selbst.

Meine Mama sagt oft: „Dem Frieden zuliebe.“ Lange Zeit bedeutete das für mich, Dinge herunterzuschlucken, mich anzupassen und so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Heute sehe ich das anders. Echter Frieden entsteht nicht dadurch, dass wir uns selbst übergehen. Deshalb spiele ich nicht mehr „Happy Family“, wenn sich etwas für mich nicht stimmig anfühlt. Gleichzeitig habe ich gelernt, nicht mehr kämpfend nach vorne zu gehen. Ich darf mich zurückziehen, ohne mich zu verlieren.

Durch die Hunde durfte ich lernen, was Regulation wirklich bedeutet. Wir erwarten von ihnen nicht, dass sie ihre Gefühle einfach abschalten. Wir begleiten sie, geben ihnen Sicherheit und helfen ihnen, ihre Erregung zu regulieren. Wir achten auf ihre Bedürfnisse und respektieren ihre Grenzen. Warum sollten wir uns selbst weniger zugestehen?

Heute nehme ich mich und meinen Körper viel bewusster wahr. Ich spüre, wann mein Nervensystem an seine Grenzen kommt, und ich höre auf das, was meine Seele braucht. Ich akzeptiere meine emotionalen Grenzen und setze sie klar. Es gibt Menschen, Situationen und Dynamiken, die mir nicht guttun. Früher hätte ich mich ihnen trotzdem ausgesetzt – aus Pflichtgefühl oder aus Angst, jemanden zu enttäuschen. Heute weiß ich, dass Selbstfürsorge wichtiger ist als Anpassung. Und wenn ich mich einer belastenden Situation doch stellen muss, hole ich mir Unterstützung.

Gleichzeitig gibt es diese besonderen Menschen, bei denen wir einfach sein dürfen. Menschen, bei denen wir uns nicht zusammenreißen, erklären oder regulieren müssen. Menschen, die uns mit all unseren Gefühlen, unserer Sensibilität und unseren Ecken und Kanten annehmen. Genau das wünsche ich auch jedem Hund: einen Menschen, bei dem er sich sicher fühlt. Einen Menschen, bei dem er nicht funktionieren muss, sondern mit allem da sein darf, was ihn ausmacht.

Die Hunde haben mir gezeigt, dass Frieden nicht bedeutet, dass es keine Konflikte gibt. Frieden bedeutet, dass wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen. Dass wir unsere Reaktionen verstehen, unsere Bedürfnisse ernst nehmen und uns mit Menschen umgeben, bei denen wir einfach wir selbst sein dürfen.

Heute muss ich nicht mehr laut werden, um mich zu schützen. Ich muss mich nicht mehr rechtfertigen oder beweisen. Ich darf fühlen, Grenzen setzen, Hilfe annehmen und mich für das entscheiden, was mir guttut.

Dem Frieden zuliebe.
Aber diesmal meinem eigenen.
 
 
 

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