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Der Wolf ist nicht das Problem

  • 6. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Apr.

Fotografie von Milo Weiler.
Fotografie von Milo Weiler.
Kaum ein Tier polarisiert so sehr wie der Wolf. Kaum taucht er in den Alpen auf, beginnen sofort die Schlagzeilen: „Abschießen!“, „wolfsfreie Zonen!“ – und die Emotionen kochen hoch.
Natürlich ist es schrecklich, wenn ein Schaf durch einen Wolf stirbt. Für das Tier selbst ist es ein qualvoller Tod, für den Bauern ein Verlust – wirtschaftlich und oft auch emotional. Das darf man nicht klein reden. Aber genau hier beginnt das Problem: Wir bleiben bei den Emotionen stehen und schauen nicht mehr auf die Fakten.
Und die sind ziemlich eindeutig.

Im Jahr 2019 wurden in Österreich 103 Schafe durch Wölfe getötet. Bei einem Gesamtbestand von rund 402.000 Schafen, wovon ca. 115.000 Schafe gesommert werden, entspricht das gerade einmal 0,09 %. Gleichzeitig sterben jedes Jahr tausende Tiere durch Krankheiten, Abstürze, Unwetter oder schlicht, weil sie in der alpinen Umgebung nicht überleben.
Ein Blick in die Schweiz macht das noch deutlicher: Dort sterben jährlich zehntausende Schafe – aber nur etwa 0,6 % davon durch den Wolf. Der weitaus größte Teil der Verluste hat also nichts mit Raubtieren zu tun, sondern mit Krankheiten, Witterung, Unfällen oder anderen natürlichen Ursachen.

Viele Tiere verschwinden außerdem einfach. Sie werden nicht mehr gefunden. Hochalpine Weiden sind kein kontrollierter Raum – Tiere stürzen ab, werden krank, bleiben zurück. Diese „verlorenen“ Schafe tauchen in Wolfsstatistiken oft gar nicht auf, werden aber in der öffentlichen Wahrnehmung schnell dem Wolf zugeschrieben.

Und dann ist da noch ein Punkt, über den kaum jemand spricht: Schafe sind für die Landwirte Nutztiere. Ein großer Teil von ihnen wird exportiert und geschlachtet. Sie sterben nicht „plötzlich“, sondern geplant – als Teil eines Systems, das wir als Gesellschaft ganz selbstverständlich akzeptieren. Der Wolf hingegen wird zum Feind erklärt.

Dabei ist der Wolf kein gnadenloser Schafjäger, sondern ein Opportunist. Er frisst, was leicht verfügbar ist: Wildtiere, Aas, Beeren, Fische. Studien aus Italien zeigen, dass Wölfe im Winter zu ca. 72 % von Aas leben. Sie jagen nicht aus Bosheit, sondern aus Notwendigkeit – und vermeiden Energieaufwand, wo sie können.

Und dann ist da noch die Angst. Viele Menschen haben Angst vor dem Wolf. Doch diese Angst ist, nüchtern betrachtet, kaum begründet. Angriffe auf Menschen sind in Europa extrem selten – so selten, dass sie statistisch praktisch keine Rolle spielen. Wenn wir ehrlich sind, leben viele Menschen in ganz anderen Gefahren. Besonders Frauen: Gewalt im eigenen Zuhause ist eine der häufigsten Bedrohungen überhaupt. Das Risiko, als Frau in einer Partnerschaft Gewalt zu erfahren, ist um ein Vielfaches höher, als jemals von einem Wolf angegriffen zu werden.

Und genau hier wird es spannend. Während beim Thema Wolf laut nach Abschüssen gerufen wird, bleibt es bei Gewalt gegen Frauen und Kinder oft erschreckend still. Weniger Empörung. Weniger Druck. Weniger Konsequenz.

Wenn jeder, der beim Wolf so schnell nach dem Abschuss ruft, mit derselben Lautstärke mehr Schutz und Rechte für Menschen & Tiere fordern würde, die Gewalt erfahren, hätten wir vermutlich eine deutlich andere Gesellschaft.

Vielleicht sollten wir uns fragen, warum wir so viel Energie in die Angst vor einem Tier stecken, das uns kaum gefährlich wird – und gleichzeitig bei realen Problemen oft wegsehen.

Der Wolf ist nicht das Problem.
Der Wolf wirkt als Teil der Natur auf Wildbestände ein und bringt Bewegung in das ökologische Gleichgewicht. Was er erbeutet, kommt wiederum anderen Tieren zugute – vom Fuchs bis hin zu Greifvögeln.

Wir sehen den Wolf, weil er sichtbar ist. Wir sehen das Drama. Aber wir sehen nicht die tausenden Tiere, die still sterben – an Krankheiten, auf der Alm, oder ganz bewusst im Schlachthof, weil sie für Fleischproduktion gehalten werden. Wir sehen nicht die wirtschaftlichen Strukturen dahinter, in denen Tiere von Anfang an als Nutztiere gedacht sind. Und wir sehen nicht, wie sehr unsere Angst unser Denken bestimmt.

Vielleicht ist es an der Zeit, ehrlicher zu werden.
Der Wolf ist zurück. Und die eigentliche Frage ist nicht, ob wir ihn wollen – sondern ob wir bereit sind, die Realität anzuerkennen, statt uns von Angst leiten zu lassen.
 
 
 

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