top of page

Bevor aus heute gestern wird

23. Sept.
4 Min. Lesezeit

Manchmal braucht es nur ein paar Sekunden und dein ganzes Leben sieht plötzlich anders aus. Ein Anruf. Ein Satz. Ein Arztgespräch. Ein Unfall. Eine Nachricht, mit der du niemals gerechnet hast. Und auf einmal gibt es ein Davor und ein Danach. Eben war noch alles normal. Du hast überlegt, was du heute Abend kochst, was morgen erledigt werden muss oder wann du endlich einmal wieder jemanden besuchen möchtest. Und dann ist nichts mehr normal.
Wir wissen das eigentlich. Wir wissen, dass Menschen krank werden können. Dass Unfälle passieren. Dass ein Herz plötzlich aufhören kann zu schlagen. Dass sich Beziehungen verändern, Wahrheiten ans Licht kommen und Abschiede manchmal viel früher kommen, als wir es uns vorstellen. Wir hören Geschichten darüber, lesen sie, sehen sie. Und trotzdem leben wir die meiste Zeit so, als wäre all das ganz weit weg.

Vielleicht müssen wir das auch. Vielleicht wäre es gar nicht möglich, jeden Tag mit dem Gedanken zu leben, dass sich innerhalb weniger Sekunden alles verändern könnte. Wir müssen darauf vertrauen, dass morgen kommt. Wir müssen Pläne machen, arbeiten, lachen, uns über Kleinigkeiten ärgern und manchmal einfach gedankenlos auf dem Sofa sitzen.
Aber vielleicht dürfen wir uns zwischendurch daran erinnern, dass wir nicht wissen, was vor uns liegt. Und vielleicht verändert dieser Gedanke etwas.
Vielleicht nicht unser ganzes Leben. Vielleicht nur einen kleinen Moment.
Vielleicht schauen wir einen Menschen, der uns etwas bedeutet, plötzlich ein bisschen länger an. Vielleicht schreiben wir jemandem, an den wir gerade denken, einfach diese eine Nachricht, die wir sonst für später aufgehoben hätten. Nicht, weil es einen besonderen Anlass gibt. Nicht, weil etwas passiert sein muss. Sondern weil dieser Mensch gerade in unseren Gedanken ist und wir ihm das zeigen möchten.

Denn es müssen nicht immer die Menschen sein, die uns am nächsten stehen. Manchmal sind es Menschen, die einfach irgendwann ein kleines Stück in unserem Herzen bekommen haben. Menschen, mit denen wir nicht jeden Tag sprechen, die wir vielleicht nur gelegentlich sehen und bei denen wir trotzdem dieses warme Gefühl haben. Menschen, bei denen wir denken: Das möchte ich mit dir teilen.
Und manchmal ist es überhaupt kein Mensch.

Vielleicht ist es ein Hund, den wir kennen und lieben, obwohl er nicht bei uns lebt. Vielleicht ein Tier, das uns auf irgendeine Weise begleitet hat. Vielleicht liegt gerade unser eigener Hund neben uns und schiebt seinen Kopf unter unsere Hand, während wir eigentlich noch etwas erledigen wollten. Und vielleicht legen wir die Hand einfach auf ihn.
Nicht, weil wir Angst haben müssen, dass es der letzte Moment sein könnte. Sondern weil wir gerade merken, wie gut sich dieser Moment anfühlt.

Vielleicht ist genau das etwas, das wir viel zu oft vergessen: dass unser Leben nicht nur aus den großen Dingen besteht. Es sind diese kleinen Augenblicke, die sich im Moment beinahe belanglos anfühlen und die später einmal genau das sein können, woran wir uns erinnern.
Das warme Fell unter unserer Hand. Das Lachen eines Menschen, den wir eigentlich schon viel zu lange nicht mehr gesehen haben. Ein gemeinsamer Kaffee. Ein Abend, an dem wir spontan noch geblieben sind, obwohl wir eigentlich nach Hause wollten. Eine Nachricht, die wir einfach abgeschickt haben, weil uns jemand gerade eingefallen ist.

Vielleicht müssen wir uns manchmal ein kleines bisschen weniger wichtig nehmen. Unsere Pläne. Unsere To-do-Listen. Dieses ewige Gefühl, noch etwas erledigen zu müssen.
Vielleicht darf der Fernseher einmal ausbleiben, weil wir gerade lieber bei jemandem vorbeischauen möchten. Vielleicht darf etwas liegen bleiben, weil unser Hund heute so zufrieden neben uns schläft und wir einfach noch ein bisschen bei ihm sitzen wollen. Vielleicht dürfen wir einen Termin absagen, weil wir plötzlich merken, dass etwas anderes gerade viel mehr zählt.Nicht immer. Nicht ständig. Und schon gar nicht aus Angst.
Sondern aus dem Wissen heraus, dass wir nicht wissen, wie viele solcher ganz gewöhnlichen Abende uns noch geschenkt werden.
Denn das ist vielleicht das Schwerste am Leben: Wir erfahren nicht, welcher Moment einmal der letzte gewesen sein wird. Wir wissen nicht, wann wir jemanden zum letzten Mal umarmen. Wann wir zum letzten Mal gemeinsam lachen. Wann wir zum letzten Mal durch dieses Fell streichen. Wir wissen es erst danach.

Und genau deshalb möchte ich manchmal weniger darauf warten, dass etwas „passt“.
Wenn mir jemand einfällt, möchte ich mich melden. Wenn ich jemanden sehen möchte, möchte ich versuchen, ihn zu sehen. Wenn ich etwas Schönes entdecke und sofort an einen Menschen oder ein Tier denken muss, möchte ich es teilen. Und wenn mein Hund neben mir liegt und ich eigentlich gerade etwas ganz anderes vorhatte, möchte ich vielleicht einfach bleiben. Nicht, weil morgen nicht kommen könnte.
Sondern weil ich nicht weiß, was morgen bringt.

Wir können nicht verhindern, dass sich unser Leben verändert. Wir können keine Zeit festhalten und keine Menschen oder Tiere für immer bei uns behalten. Aber wir können entscheiden, ob wir all die kleinen Momente, die uns heute wichtig sind, wirklich wahrnehmen.
Vielleicht ist das alles.
Nicht, jeden Tag besonders zu machen. Nicht ständig glücklich zu sein. Nicht aus jedem Augenblick etwas Großes zu machen.
Sondern manchmal einfach zu spüren: Das hier bedeutet mir etwas.
Und dann nicht weiterzugehen, als wäre es nichts.
Sondern für einen Moment zu bleiben.

Vielleicht ist genau das Leben.

Und vielleicht ist es viel zu kostbar, um all die Dinge, die uns wirklich wichtig sind, immer nur für irgendwann aufzuheben.
 
 
 

Kommentare


bottom of page