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„Das haben wir immer schon so gemacht.“
9. Okt.
5 Min. Lesezeit
Es gibt Dinge, die mich wirklich aufregen. Und eines davon ist "Stillstand".
Nicht, weil ich erwarte, dass jeder Mensch alles weiß. Nicht, weil ich glaube, dass man ständig funktionieren, sich optimieren und jeden Tag ein besserer Mensch werden muss. Und schon gar nicht, weil ich selbst alles weiß.
Ganz im Gegenteil. Ich weiß verdammt viel nicht. Aber ich habe die Möglichkeit, etwas daran zu ändern. Und genau das ist der Punkt.
Was mich aufregt, ist nicht Unwissenheit. Was mich aufregt, ist die bewusste Entscheidung, unwissend zu bleiben.
Wir leben in einer Zeit, in der Wissen so leicht zugänglich ist wie nie zuvor. Wir müssen dafür nicht zwingend studieren, jahrelang Fachbücher wälzen oder uns durch Bibliotheken arbeiten. Wir können recherchieren, lesen, vergleichen, Podcasts hören, Fachartikel finden und unterschiedliche Perspektiven ansehen.
Ein paar Klicks reichen oft aus, um zumindest einen ersten Überblick zu bekommen.
Natürlich bedeutet das nicht, dass jede Information im Internet richtig ist. Natürlich muss man Quellen hinterfragen, Zusammenhänge verstehen und zwischen fundiertem Wissen und irgendeinem dahergeschwurbelten Blödsinn unterscheiden können. Aber auch dafür gibt es Möglichkeiten, sich weiterzubilden.
Und trotzdem erlebe ich immer wieder Menschen, die sich lieber auf ihre Meinung verlassen als auf Fakten. Die lieber nachplappern, was irgendjemand irgendwann einmal behauptet hat, als selbst nachzusehen. Die lieber an etwas festhalten, weil sie es schon immer so gemacht haben, als sich auch nur eine Minute damit auseinanderzusetzen, ob es vielleicht bessere, sinnvollere oder fairere Wege gibt.
Und ganz ehrlich? Das macht mich wahnsinnig.
Du musst nicht alles wissen. Aber du könntest es herausfinden.
Du weißt nicht, welche Partei wofür steht? Dann lies dir die Wahlprogramme durch. Informiere dich darüber, welche Werte vertreten werden, welche Entscheidungen geplant sind und welche Konsequenzen sie haben könnten.
Du möchtest dir einen Hund anschaffen? Dann informiere dich darüber, was ein Hund tatsächlich braucht. Nicht nur darüber, welche Rasse besonders hübsch ist oder gerade im Trend liegt.
Du suchst einen Trainer für deinen Hund? Dann schau genauer hin. Welche Methoden verwendet diese Person? Wie geht sie mit Hunden um, die Angst haben, überfordert sind oder unerwünschtes Verhalten zeigen? Arbeitet sie belohnungsorientiert und berücksichtigt die individuellen Bedürfnisse des Hundes? Kann sie erklären, warum sie etwas tut? Ist sie bereit, ihr eigenes Wissen zu hinterfragen?
Du hast eine Meinung zu einem gesellschaftlichen Thema? Dann wäre es vielleicht sinnvoll, dich nicht ausschließlich mit den Argumenten jener Menschen zu beschäftigen, die ohnehin dasselbe denken wie du.
Du musst dafür kein Studium absolvieren. Du musst keine Expertin und kein Experte werden. Du musst nicht jede wissenschaftliche Veröffentlichung verstehen.
Aber du kannst dich informieren. Du kannst Fragen stellen. Du kannst nachlesen. Du kannst verschiedene Standpunkte vergleichen.
„Das haben wir immer schon so gemacht.“
Dieser Satz. Ganz ehrlich? Ich kann ihn nicht mehr hören. Ja. Und?
Soll das jetzt bedeuten, dass etwas automatisch richtig ist, nur weil es schon lange praktiziert wird? Dass wir aufhören dürfen, nachzudenken, sobald eine Vorgehensweise alt genug ist? Dass wir uns nicht mehr mit neuen Erkenntnissen beschäftigen müssen, weil es bisher auch irgendwie funktioniert hat?
Nur weil etwas Tradition hat, ist es nicht automatisch sinnvoll. Nur weil eine Methode seit Jahrzehnten angewendet wird, bedeutet das nicht, dass sie die beste ist. Und nur weil etwas früher als richtig galt, müssen wir heute nicht daran festhalten.
Eist für mich kein Argument. Es ist eine ziemlich bequeme Ausrede dafür, sich nicht weiterentwickeln zu müssen. Wissen entwickelt sich weiter. Unsere Erkenntnisse verändern sich. Wir entdecken neue Zusammenhänge und verstehen Dinge, die wir früher vielleicht völlig anders eingeschätzt haben. Das gilt für Medizin, Gesellschaft, Politik und natürlich auch für den Umgang mit unseren Hunden.
Natürlich ist nicht alles Neue automatisch besser. Natürlich sollten wir nicht jeder neuen Behauptung blind glauben. Aber genau darum geht es doch: hinsehen, hinterfragen, abwägen und dazulernen.
Als Hundetrainerin begegnet mir dieses Thema natürlich besonders häufig.
Es gibt Menschen, die sich einen Hund ins Leben holen, ohne sich vorher ernsthaft mit dessen Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Menschen, die Verhaltensprobleme beurteilen, ohne zu verstehen, was dahinterstecken könnte. Menschen, die Methoden anwenden, weil ihnen jemand erzählt hat, dass man das eben so macht.
Und manchmal würde schon ein wenig Bereitschaft reichen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und die eigenen Überzeugungen zu hinterfragen.
Man kann sich mit Lerntheorie beschäftigen. Man kann nachlesen, wie Hunde lernen, warum Verhalten entsteht und welchen Einfluss Angst, Stress, Schmerzen und Überforderung haben können. Man kann sich mit belohnungsorientiertem Training auseinandersetzen und sich ansehen, welche Alternativen es zu Einschüchterung und körperlichem Druck gibt.
Man kann sich fragen, ob ein Hund wirklich stur ist – oder ob wir sein Verhalten schlicht nicht verstehen.
Wir tragen die Verantwortung.
Und Verantwortung bedeutet für mich auch, sich Wissen anzueignen, statt sich hinter Sätzen wie „Bei mir hat das immer funktioniert“ zu verstecken. Denn nur weil etwas funktioniert, heißt das noch lange nicht, dass es fair, sinnvoll oder die beste Lösung ist.
Und ja: Manchmal nenne ich das dumm.
Ich weiß, das ist ein hartes Wort. Es ist nicht besonders diplomatisch. Und es wird vermutlich Menschen geben, die sich daran stoßen.
Wenn jemand etwas nicht weiß, ist das völlig in Ordnung. Unwissenheit ist kein Charakterfehler. Niemand kommt mit einem vollständigen Lexikon auf die Welt.
Wenn jemand etwas nicht versteht, Fragen stellt oder Zeit braucht, um neue Informationen einzuordnen, ist das ebenfalls in Ordnung.
Aber wenn jemand die Möglichkeit hat, sich zu informieren, wenn wichtige Informationen zugänglich sind, wenn die Folgen des eigenen Handelns andere Menschen oder Lebewesen betreffen – und wenn diese Person sich trotzdem bewusst dagegen entscheidet, hinzusehen, dann fehlt mir irgendwann das Verständnis.
Ja, ich halte es für dumm, freiwillig auf Erkenntnis zu verzichten, nur weil die eigene Meinung bequemer ist. Nicht, weil ein Mensch etwas nicht weiß. Sondern weil er glaubt, nichts mehr dazulernen zu müssen.
Besonders schwierig wird es, wenn diese Haltung nicht nur einen selbst betrifft, sondern andere die Konsequenzen tragen müssen.
Ein Hund, der mit ungeeigneten Methoden trainiert wird. Ein Mensch, der aufgrund ungeprüfter Behauptungen Entscheidungen trifft. Eine Gesellschaft, in der Meinungen lauter sind als Fakten.
Das ist nicht einfach nur persönlicher Stillstand. Es kann Schaden anrichten.
Niemand verlangt Perfektion. Aber ein bisschen Eigenverantwortung wäre schön.
Ich erwarte nicht, dass jeder Mensch ständig Fachliteratur liest. Ich erwarte nicht, dass jeder dieselben Werte vertritt wie ich. Und ich erwarte auch nicht, dass wir immer einer Meinung sind.
Unterschiedliche Meinungen sind wichtig. Diskussionen sind wichtig. Kritik ist wichtig.
Aber eine fundierte Diskussion setzt voraus, dass man sich überhaupt mit einem Thema beschäftigt hat. Und eine ernst gemeinte Auseinandersetzung setzt voraus, dass man grundsätzlich bereit ist, auch Argumente zuzulassen, die der eigenen Sichtweise widersprechen.
Sich weiterzubilden bedeutet manchmal, unangenehme Dinge zu erfahren.
Vielleicht stellt man fest, dass die eigene Partei doch nicht die Werte vertritt, die man ihr zugeschrieben hat. Vielleicht erkennt man, dass eine Methode, die man jahrelang verwendet hat, problematisch ist. Vielleicht muss man sich eingestehen, dass man einem Menschen Unrecht getan hat oder etwas weitergegeben hat, das schlicht nicht stimmt.
Das ist unangenehm. Es kratzt am Selbstbild. Es verlangt, Verantwortung zu übernehmen.
Aber genau dort beginnt Entwicklung.
Nicht darin, immer recht zu haben. Sondern darin, sich Fehler eingestehen zu können.
Nicht darin, an allem festzuhalten, was man einmal geglaubt hat. Sondern darin, bereit zu sein, etwas Neues zu lernen.
Denn am Ende ist nicht entscheidend, wie viel du heute weißt.
Entscheidend ist, ob du bereit bist, morgen ein bisschen mehr zu wissen als heute.
Und genau deshalb regt mich Stillstand so auf.
Nicht, weil ich glaube, dass ich fertig bin.
Sondern weil ich hoffe, dass ich es niemals sein werde.
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