Realtalk: Mit positivem Hundetraining kann man nur verlieren
4. Okt.
3 Min. Lesezeit

Zumindest dann, wenn wir Training daran messen, ob ein Hund danach einfach immer funktioniert.
Ich hatte neulich ein Gespräch mit einer Freundin über genau dieses Thema und je länger wir darüber gesprochen haben, desto mehr hatte ich das Gefühl: Eigentlich kann man es mit positivem Hundetraining manchmal gar nicht richtig machen. Bleibt der Hund ruhig, heißt es schnell: „Der macht ja auch nichts.“ Reagiert der Hund, kommt: „Siehst du?! Positives Training funktioniert nicht.“ oder "Du hast den ja gar nicht unter Kontrolle." Arbeitet man mit Abstand, weicht man angeblich dem Problem aus. Und irgendwann fragt man sich schon: Was müsste dieser Hund eigentlich tun, damit sein Training von außen überhaupt als erfolgreich anerkannt wird?
Vielleicht liegt das Problem auch darin, dass wir Training viel zu häufig am sichtbaren Endergebnis messen. Reagiert der Hund noch oder nicht? Kann er problemlos an einem anderen Hund vorbeigehen oder nicht? Funktioniert er in dieser Situation oder nicht? Dabei ist Hundeverhalten selten so schwarz-weiß.
Ein Hund kann enorme Fortschritte machen, obwohl er noch reagiert. Vielleicht nimmt er eine schwierige Situation heute früher wahr. Vielleicht bleibt er länger ansprechbar. Vielleicht kann er sich schneller wieder beruhigen. Vielleicht orientiert er sich häufiger an seinem Menschen. Vielleicht schafft er heute eine Distanz, die vor einigen Monaten noch völlig unmöglich gewesen wäre.
Das sind Veränderungen. Das ist Training. Und trotzdem sieht man sie von außen nicht immer.
Vielleicht ist genau das eine der größten Herausforderungen im Training: Die wichtigsten Fortschritte sind oft die unspektakulärsten. Ein Hund, der früher zehn Minuten gebraucht hat, um nach einer Begegnung wieder ansprechbar zu werden, schafft es heute vielleicht nach einer Minute. Ein Hund, der früher schon auf große Entfernung völlig eskaliert ist, kann heute kurz beobachten, sich an seinem Menschen orientieren und wieder aus der Situation herausfinden. Ein Hund, der früher überhaupt keine Möglichkeit hatte, eine andere Entscheidung zu treffen, kann heute kurz innehalten.
Von außen sieht man vielleicht nur: „Der hat doch trotzdem reagiert.“
Für diesen Hund und seinen Menschen kann dieser Moment aber einen riesigen Unterschied machen.
Und genau deshalb finde ich es schwierig, Training nur danach zu beurteilen, ob ein Hund irgendwann in jeder Situation „funktioniert“. Denn dann betrachten wir vor allem das Verhalten, das wir sehen wollen. Wir sehen aber nicht unbedingt, was sich darunter verändert hat. Wie fühlt sich der Hund in dieser Situation? Wie viel Unterstützung braucht er noch? Wie schnell findet er wieder zurück? Kann er sich an seinem Menschen orientieren? Hat er heute mehr Möglichkeiten, mit einer Situation umzugehen als früher?
Für mich bedeutet gutes Training nicht, dass ein Hund niemals wieder reagiert. Es bedeutet, dass wir ihm helfen, Situationen besser bewältigen zu können. Und manchmal bedeutet das eben auch, dass ein Hund weiterhin Grenzen zeigt, Abstand braucht oder eine Situation gerade noch nicht schafft. Das macht Training nicht automatisch erfolglos. Es zeigt uns vielmehr, wo dieser Hund gerade steht und was er als Nächstes braucht.
Vielleicht sollten wir deshalb anfangen, Fortschritt anders zu bewerten. Nicht nur danach zu fragen: „Funktioniert der Hund schon?“ Sondern auch danach zu schauen, was dieser Hund heute leichter schafft als früher. Was sich verändert hat. Wie viel schneller er sich regulieren kann. Wie viel mehr Orientierung möglich ist. Wie viel mehr Handlungsspielraum entstanden ist.
Denn genau dort findet Training statt. Nicht nur in den Momenten, in denen alles perfekt aussieht, sondern vor allem in den kleinen Veränderungen dazwischen.
Und vielleicht ist das auch der Grund, warum positives Hundetraining von außen manchmal so unspektakulär wirkt. Es lässt sich nicht immer in spektakulären Vorher-Nachher-Videos zeigen. Manchmal sieht Fortschritt einfach aus wie ein Hund, der ruhig vorbeigeht. Manchmal sieht er aus wie ein Hund, der heute noch reagiert, aber anders als früher. Und manchmal sieht er aus wie ein Mensch, der inzwischen weiß, wann er Abstand braucht, wann er unterstützen kann und wann es besser ist, eine Situation gar nicht erst eskalieren zu lassen.
Nicht jeder Fortschritt ist laut. Nicht jeder Fortschritt sieht beeindruckend aus. Und nur weil man ihn von außen nicht sofort erkennt, heißt das nicht, dass er nicht da ist.
Vielleicht müssen wir einfach anfangen, genauer hinzusehen.
Und bei all dem darf für mich eines niemals zur Diskussion stehen: Dass ein Hund etwas noch nicht kann, rechtfertigt niemals Gewalt. Training darf fordern, begleiten und Grenzen setzen – aber niemals auf Kosten von Angst, Schmerz oder Vertrauen.






Kommentare