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Eigenverantwortung – zwischen Schuldzuweisung und Selbstreflexion

vor 5 Tagen
5 Min. Lesezeit

Manchmal sind es die kleinen Alltagssituationen, die einem zeigen, wie es um unsere Gesellschaft eigentlich steht. Keine großen Katastrophen, sondern ganz normale Situationen, bei denen man sich fragt: Ist das wirklich so schwer?

Ich arbeite neben meiner Tätigkeit als Hundetrainerin in einem Großhandel. Vor einem Feiertag wurde per E-Mail klar kommuniziert, dass an diesem Tag keine Lieferungen stattfinden. Die Information war da und wurde rechtzeitig weitergegeben. Trotzdem hat jemand seine Lieferung nicht bekommen und der Ärger darüber landete bei uns. Dass die E-Mail möglicherweise nicht gelesen wurde, schien dabei keine Rolle zu spielen. Plötzlich waren diejenigen verantwortlich, die ihre Arbeit gemacht und rechtzeitig informiert hatten.

Und genau solche Situationen bringen mich zum Nachdenken. Denn eigentlich geht es gar nicht um eine Lieferung. Es geht um etwas, das mir auch in vielen anderen Bereichen des Lebens begegnet: die Schwierigkeit, den eigenen Anteil an einer Situation zu erkennen, anstatt reflexartig die Verantwortung bei anderen zu suchen.

Wann haben wir eigentlich angefangen, für alles einen Schuldigen zu suchen, bevor wir überhaupt bei uns selbst nachsehen?

Es scheint oft einfacher zu sein, den Fehler bei anderen zu suchen, als sich einzugestehen, dass man selbst etwas übersehen, falsch eingeschätzt oder nicht bedacht hat. Der Chef ist schuld, die Kollegin, der Partner oder die Umstände. Irgendjemand muss schließlich verantwortlich sein, wenn etwas nicht so läuft, wie wir es uns vorgestellt haben.

Dabei bedeutet Eigenverantwortung nicht, dass wir immer an allem schuld sind. Es bedeutet, dass wir bereit sind, unseren eigenen Einfluss auf eine Situation anzuerkennen. Dass wir uns fragen, was tatsächlich passiert ist, welchen Anteil wir selbst daran haben und was wir daraus lernen können. Fehler zu machen ist menschlich. Entscheidend ist, wie wir anschließend damit umgehen.

Vor ein paar Tagen habe ich mich bei einem Menschen entschuldigt, weil ich ihn mit einer Aussage verletzt habe. Es war nicht meine Absicht, jemanden zu verletzen. Trotzdem habe ich wahrgenommen, dass meine Worte anders angekommen sind, als ich es beabsichtigt hatte, und mich dafür entschuldigt. Wenn ich merke, dass ich jemanden verletzt habe, möchte ich das nicht einfach ignorieren. Ich möchte Verantwortung dafür übernehmen, dass meine Worte eine Wirkung hatten, die ich so nicht beabsichtigt hatte.

Was mich an solchen Situationen beschäftigt, ist das, was danach passieren kann. Anstatt gemeinsam innezuhalten und vielleicht auch einmal zu versuchen, die Perspektive des anderen zu verstehen, folgen weitere Vorwürfe und Schuldzuweisungen. Die Entschuldigung scheint kaum noch eine Rolle zu spielen, weil die Suche nach dem Schuldigen wichtiger wird als der Versuch, einander zu verstehen.

Natürlich bedeutet eine Entschuldigung nicht, dass der andere sofort verzeihen muss. Verletzungen brauchen manchmal Zeit und dürfen ernst genommen werden. Aber wäre es nicht ebenso wichtig, sich zu fragen, warum ein Mensch etwas gesagt hat? Was wollte er ausdrücken? War es tatsächlich böse gemeint, oder sind Absicht und Wirkung auseinandergegangen?

Ich kann durchaus verstehen, wenn Menschen ihrem Ärger Luft machen müssen. Wenn sie verletzt, wütend oder enttäuscht sind und im ersten Moment emotional reagieren. Wir sind Menschen und reagieren nicht immer überlegt. Aber was passiert danach? Warum fällt es uns so schwer, mit etwas Abstand noch einmal auf eine Situation zu schauen und uns zu fragen, ob vielleicht auch die eigene Reaktion nicht ganz fair war?

Ein einfaches „Ich war verletzt und wütend, aber vielleicht war auch meine Reaktion nicht ganz richtig“ könnte viel verändern. Es würde die eigenen Gefühle nicht entwerten und auch nicht bedeuten, dass der ursprüngliche Ärger unberechtigt war. Es würde lediglich zeigen, dass man bereit ist, auch das eigene Verhalten zu reflektieren.

Genau diese Bereitschaft fehlt mir oft. Nicht die Fehlerlosigkeit, sondern die Selbstreflexion. Nicht die Fähigkeit, sich zu ärgern, sondern die Fähigkeit, nach dem Ärger noch einmal auf sich selbst zu schauen.

Denn ein Miteinander besteht aus mehr als einer Person. Es kann nicht immer nur darum gehen, was einer falsch gemacht hat. Es sollte auch darum gehen dürfen, wie beide miteinander umgegangen sind. Eine Entschuldigung muss nicht sofort alles wieder gutmachen, aber sie könnte der Anfang eines Gesprächs sein, in dem beide Seiten bereit sind, ihren eigenen Anteil zu erkennen.

Reife zeigt sich für mich nicht darin, im Streit immer die richtigen Worte zu finden. Sie zeigt sich darin, später ehrlich auf das eigene Verhalten schauen zu können.

Und genau an diesem Punkt führt mich dieser Gedanke wieder zu meiner Arbeit als Hundetrainerin.

Auch im Hundetraining wird das Verhalten eines Hundes schnell bewertet. Er ist stur, ungehorsam, provoziert oder will seinen Menschen ärgern. Dabei sollten wir uns doch fragen, was hinter diesem Verhalten steckt. Was erlebt der Hund gerade? Ist die Situation für ihn bewältigbar? Sind unsere Erwartungen realistisch? Haben wir ihm die Fähigkeiten vermittelt, die wir jetzt von ihm verlangen? Und welchen Einfluss haben wir selbst auf die Situation?

Ein Hund, der an der Leine bellt, macht das nicht automatisch, um seinen Menschen zu ärgern. Ein Hund, der nicht zurückkommt, wenn er gerufen wird, entscheidet sich nicht zwangsläufig bewusst gegen seinen Menschen. Sein Verhalten liefert uns Informationen über das, was gerade passiert. Es liegt an uns, genauer hinzusehen, statt vorschnell eine Absicht zu unterstellen.

Genau deshalb arbeite ich belohnungs- und bedürfnisorientiert. Ich möchte verstehen, was ein Verhalten beeinflusst und wie wir dem Hund helfen können, andere Verhaltensmöglichkeiten zu entwickeln. Dazu gehört auch, den eigenen Anteil zu betrachten. Vielleicht war die Ablenkung zu groß, die Distanz zu gering oder die Anforderung zu schwierig. Vielleicht haben wir etwas vorausgesetzt, das der Hund unter diesen Bedingungen noch gar nicht leisten kann.

Das einzugestehen, ist kein Versagen. Es ist die Grundlage für gutes Training.
Wir würden idealerweise versuchen, die Situation für unseren Hund verständlicher zu machen, statt ihm einfach die Schuld für sein Verhalten zu geben. Wir würden unsere Erwartungen hinterfragen und überlegen, was wir verändern können, damit er erfolgreich sein kann. Wir betrachten Verhalten im Zusammenhang, anstatt nur einen Schuldigen zu suchen.
Warum fällt uns das im menschlichen Miteinander manchmal so schwer?

Warum erwarten wir von anderen Verständnis, während wir selbst kaum bereit sind, einen Schritt zurückzutreten und ihre Perspektive einzunehmen? Warum verlangen wir, dass andere ihre Fehler erkennen, während wir unsere eigenen Absichten als selbstverständlich voraussetzen? Und warum scheint es oft leichter zu sein, jemanden zu verurteilen, als sich ernsthaft mit ihm auseinanderzusetzen?

Vielleicht, weil Selbstreflexion unbequem sein kann. Sie bedeutet, dass wir nicht immer recht haben müssen. Dass wir uns irren können. Dass wir andere verletzen können, ohne es zu wollen, und dass auch wir selbst Situationen falsch einschätzen können.

Eigenverantwortung bedeutet nicht, dass wir für alles verantwortlich sind, was andere tun. Wir können uns erklären, uns entschuldigen und versuchen, eine Situation zu klären. Aber wir können niemanden dazu zwingen, unsere Absicht verstehen zu wollen. Wir können nur unseren eigenen Teil beitragen und entscheiden, wie wir mit dem umgehen, was uns entgegengebracht wird.

Ich wünsche mir ein Miteinander, in dem Menschen Fehler machen dürfen, ohne sofort auf ihren Fehler reduziert zu werden. In dem wir unserem Ärger Luft machen können, aber später auch bereit sind, unsere Reaktion zu hinterfragen. In dem eine Entschuldigung die Möglichkeit eröffnet, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen, statt weitere Schuldzuweisungen nach sich zu ziehen.

Und ich wünsche mir, dass wir auch im Hundetraining immer wieder daran denken: Wir müssen nicht sofort bewerten, um etwas verändern zu können. Wir müssen nicht erst einen Schuldigen finden, um Verantwortung zu übernehmen. Und wir müssen nicht alles gutheißen, um versuchen zu können, etwas zu verstehen.

Vielleicht beginnt echte Veränderung genau dort. Nicht bei der Frage, wer schuld ist, sondern bei der Bereitschaft, genauer hinzusehen – bei uns selbst, bei anderen Menschen und bei den Hunden, mit denen wir unser Leben teilen.

Eigenverantwortung bedeutet nicht, immer schuld zu sein. Sie bedeutet, bereit zu sein, den eigenen Anteil zu erkennen – auch dann, wenn es unbequem ist.

Denn ein respektvolles Miteinander entsteht nicht dadurch, dass immer einer nachgibt oder sich entschuldigt. Es entsteht, wenn alle Beteiligten bereit sind, sich selbst zu reflektieren. Wenn wir verstehen, dass wir nicht nur von anderen Verständnis erwarten können, sondern auch selbst bereit sein müssen, Verständnis aufzubringen.

Im Umgang mit unseren Mitmenschen genauso wie im Umgang mit unseren Hunden.
 
 
 

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