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"Ich trainiere im Rudel"
9. Aug.
5 Min. Lesezeit
Es gibt Wörter, bei denen bekomme ich inzwischen Schnappatmung. „Rudel“ gehört definitiv dazu. Sobald irgendwo von „Rudeltraining“, „Rudelführung“ oder „Rudelharmonie“ gesprochen wird und dazu Bilder von zehn, fünfzehn oder zwanzig Hunden auftauchen, die brav hinter einem Menschen herlaufen, sträubt sich bei mir alles. Einer hinter dem anderen, möglichst ruhig, möglichst dicht und möglichst kontrolliert – und darunter jede Menge begeisterte Kommentare darüber, wie beeindruckend diese Hunde doch seien und was für eine unglaubliche Bindung sie zu ihrem Menschen haben müssten.
Ich sehe mir solche Bilder an und frage mich ehrlich gesagt zuerst etwas ganz anderes: Wie wurden diese Hunde eigentlich trainiert?
Denn wir sehen immer nur das fertige Ergebnis. Wir sehen die perfekte Formation, aber nicht den Weg dorthin. Wir sehen nicht, was passiert, wenn ein Hund die Position verlässt, stehen bleibt oder sich für etwas anderes interessiert. Wir sehen nicht, welche Signale der Mensch gibt, welche Verstärker eingesetzt werden und welche Konsequenzen es gibt, wenn ein Hund eben nicht so funktioniert, wie es gerade erwartet wird. Und genau das finde ich viel interessanter als die Frage, wie beeindruckend zwanzig Hunde hintereinander aussehen.
Dabei möchte ich ausdrücklich niemandem unterstellen, dass solche Hunde automatisch aversiv trainiert wurden. Aber wenn ich mir vorstelle, mit zehn, fünfzehn oder zwanzig Hunden gleichzeitig zu arbeiten, frage ich mich schon, wie dabei noch wirklich konsequent belohnungs- und bedürfnisorientiert trainiert werden soll. Natürlich kann man mit positiver Verstärkung sehr zuverlässiges Verhalten aufbauen, und natürlich gibt es Hunde, die gelernt haben, sich gerne an ihrem Menschen zu orientieren. Aber genau deshalb möchte ich die Trainingsgeschichte kennen, bevor ich aus dem sichtbaren Verhalten auf die Qualität der Beziehung schließe. Ein perfektes Endergebnis sagt mir nämlich noch lange nicht, wie dieses Ergebnis entstanden ist.
Und dann ist da noch die Sache mit dem „Rudel“.
Ich frage mich bei diesem Begriff immer, was damit eigentlich genau gemeint sein soll. Denn eine Gruppe von Hunden wird nicht dadurch zu einem harmonischen „Rudel“, dass sie gemeinsam hinter einem Menschen herläuft. Vor allem sind zehn oder zwanzig Hunde nicht plötzlich ein einziges Wesen mit identischen Bedürfnissen.
Genau hier wird es für mich aus Sicht der Bedürfnisorientierung interessant.
Ein Spaziergang ist für einen Hund schließlich nicht einfach nur Bewegung von A nach B, sondern eine der wichtigsten Möglichkeiten, seine Umwelt zu erkunden, Informationen aufzunehmen, zu schnüffeln, eigene Entscheidungen zu treffen und Bedürfnisse auszuleben. Wenn ich einen einzelnen Hund begleite, kann ich mich sehr viel leichter auf genau diesen Hund einstellen. Ich kann wahrnehmen, ob er heute besonders viel schnüffeln möchte, ob ihm eine bestimmte Umgebung zu viel ist, ob er Abstand zu einem anderen Hund braucht oder ob er gerade einfach eine Pause benötigt. Ich kann die Route ändern, langsamer werden, stehen bleiben oder eine Situation anders gestalten. Ich kann mich an diesem einen Individuum orientieren.
Bei zwanzig Hunden sieht das zwangsläufig anders aus.
Denn zwanzig Hunde haben zwanzig unterschiedliche Persönlichkeiten, Erfahrungen, Bedürfnisse und Tagesformen. Einer möchte gerade weiterlaufen, während ein anderer noch an einer Geruchsspur hängt. Einer braucht Abstand, ein anderer sucht Kontakt. Einer ist körperlich nicht so belastbar wie die anderen, während ein anderer voller Energie steckt. Einer kommt mit der Umgebung wunderbar zurecht, während ein anderer gerade einen Reiz verarbeitet, der für ihn schwierig ist.
Und jetzt sollen all diese unterschiedlichen Individuen gemeinsam in dieselbe Richtung laufen, im gleichen Tempo und möglichst in derselben Position hinter einem Menschen.
Natürlich kann man das trainieren. Genau das ist ja der Punkt. Aber die Frage, die ich mir stelle, ist nicht, ob man es trainieren kann, sondern was dabei mit den individuellen Bedürfnissen passiert.
Was macht der Hund, der eigentlich noch schnüffeln möchte? Was passiert mit dem Hund, der gerade Abstand braucht? Was ist mit dem Hund, der heute mit einer großen Gruppe überfordert ist? Und was passiert mit dem Hund, der vielleicht überhaupt keine Lust auf Sozialkontakt hat, obwohl die Gruppe gerade gemeinsam weiterzieht?
Und genau deshalb geht mein Unverständnis auch über diese sogenannten „Rudel“-Trainer hinaus.
Auch bei Dogsittern, die mit zehn oder fünfzehn Hunden gleichzeitig unterwegs sind, frage ich mich immer wieder, wie individuelle Betreuung in dieser Größenordnung tatsächlich funktionieren soll. Ich sehe solche Gruppen und denke nicht automatisch: „Wow, was für ein tolles Angebot für Hunde.“ Ich denke eher: Wie soll eine einzelne Person bei so vielen Hunden gleichzeitig erkennen, wer gerade Stress hat, wer Abstand braucht, wer eine Pause benötigt, wer sich unwohl fühlt oder wer gerade in eine soziale Situation gerät, die er alleine nicht gut lösen kann?
Natürlich gibt es Dogsitter, die ihre Gruppen gut managen und verantwortungsvoll mit den Hunden umgehen. Auch hier möchte ich nicht pauschalisieren. Aber eine große Gruppe ist eben nicht automatisch deshalb gut für einen Hund, weil er dabei mit vielen anderen Hunden zusammen sein kann. Sozialkontakt ist ein Bedürfnis, aber nicht jeder Hund möchte jederzeit mit vielen anderen Hunden zusammen sein. Und ein Hund, der in einer Gruppe „funktioniert“, ist nicht automatisch ein Hund, dessen individuelle Bedürfnisse in dieser Gruppe optimal berücksichtigt werden.
Eine große Gruppe braucht einen gemeinsamen Rahmen. Das lässt sich nicht vermeiden. Und je größer die Gruppe wird, desto mehr müssen die einzelnen Hunde sich an diesen Rahmen anpassen. Das bedeutet nicht automatisch, dass jeder Hund darunter leidet oder dass solche Spaziergänge grundsätzlich schlecht sind. Aber es bedeutet sehr wohl, dass wir ehrlich darüber sprechen sollten, wo individuelle Bedürfnisbefriedigung an ihre Grenzen kommt.
Denn für mich bedeutet Bedürfnisorientierung eben nicht, dass ein Hund nett behandelt wird und am Ende trotzdem in ein vorgegebenes Verhalten passen muss. Bedürfnisorientierung bedeutet, den einzelnen Hund wahrzunehmen, seine Kommunikation ernst zu nehmen und die eigenen Vorstellungen gegebenenfalls anzupassen.
Und genau deshalb beeindruckt mich eine perfekte Formation aus zwanzig Hunden nicht automatisch.
Mich würde viel mehr interessieren, wie dieser Mensch reagiert, wenn einer dieser zwanzig Hunde eben nicht mitmachen kann oder möchte. Wird die Gruppe angepasst? Darf der Hund Abstand nehmen? Darf er stehen bleiben? Wird ein Hund aus der Gruppe genommen, wenn es für ihn gerade nicht passt? Oder ist das individuelle Bedürfnis letztlich dem Funktionieren der Gruppe untergeordnet?
Denn vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen guter Kontrolle und guter Begleitung.
Kontrolle kann dafür sorgen, dass zwanzig Hunde hinter einem Menschen laufen. Gute Begleitung zeigt sich für mich darin, dass ein Mensch auch bei zwanzig Hunden noch wahrnimmt, wer gerade was braucht. Und deshalb frage ich mich bei diesen „Rudel“-Videos und auch bei riesigen Dogsitter-Gruppen nicht zuerst, wie beeindruckend das Ganze aussieht. Ich frage mich, wie die Hunde trainiert wurden, welche Möglichkeiten sie haben, ihre Bedürfnisse auszudrücken, und ob der Mensch tatsächlich jeden einzelnen Hund noch als Individuum wahrnimmt.
Es sind Hunde. Und jeder davon bringt seine eigene Persönlichkeit, seine eigene Geschichte und seine eigenen Bedürfnisse mit.
Genau dort beginnt für mich gute Hundeerziehung: nicht bei der Frage, wie viele Hunde ich kontrollieren kann, sondern bei der Frage, ob ich den einzelnen Hund noch sehe.
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