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Kann man Mitgefühl für einen Mörder empfinden?

  • vor 2 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit
Heute hatte ich ein Telefonat mit meiner Schwester. Eigentlich nichts Besonderes – und doch hat mich dieses Gespräch wieder wachgerüttelt. Wir sind uns in manchen Dingen unglaublich ähnlich. Wir betrachten Situationen nämlich selten nur aus einer einzigen Perspektive. Es gibt nicht die eine Wahrheit, sondern ganz viele unterschiedliche Blickwinkel. Eine Geschichte hat immer mindestens zwei Seiten. Und hinter dem Verhalten eines Menschen steckt meistens viel mehr, als wir auf den ersten Blick sehen können.
Vielleicht ist genau das auch der Grund, warum ich mir bei Menschen so oft die Frage stelle: Warum macht er das jetzt?

Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich Menschen gegenübersaß, die Dinge getan hatten, die für mich unvorstellbar waren. Ich saß Menschen gegenüber, die getötet hatten. Und trotzdem konnte ich Mitgefühl für sie empfinden. Nicht Mitgefühl für das, was sie getan hatten. Nicht im Sinne von „Das ist doch gar nicht so schlimm“ oder „Er konnte ja nichts dafür“. Manche Taten sind furchtbar und haben Konsequenzen. Punkt. Aber ich konnte den Menschen dahinter sehen. Denn irgendwann habe ich verstanden, dass jeder Mensch seine eigene Geschichte in sich trägt. Jeder von uns trägt sein eigenes Paket.

Manche Dinge schleppen wir schon seit unserer Kindheit mit uns herum. Erfahrungen, Ängste, Verletzungen, Beziehungen, Verluste, Enttäuschungen, vielleicht auch Dinge, über die wir niemals mit jemandem gesprochen haben. Gerade die ersten Jahre unseres Lebens prägen uns. Wir lernen, wie Beziehungen funktionieren, wie wir mit Konflikten umgehen, wie wir unsere Bedürfnisse zeigen und wie wir mit schwierigen Gefühlen umgehen. Vieles davon passiert, bevor wir überhaupt die Möglichkeit haben, bewusst darüber nachzudenken.

Und dann werden wir älter. Wir sammeln neue Erfahrungen, lernen dazu, werden verletzt, geliebt, enttäuscht, aufgefangen... Manche Erfahrungen verändern uns, andere bestätigen das, was wir bereits gelernt haben. Wir entwickeln Strategien, um mit unserem Leben zurechtzukommen, und nehmen diese Strategien mit ins Erwachsenenleben.
Manche davon sind hilfreich. Manche funktionieren nur für eine gewisse Zeit. Und manche werden irgendwann zu einem Problem – obwohl sie vielleicht einmal genau das waren, was wir gebraucht haben, um überhaupt weiterzumachen.

Und wenn ich darüber nachdenke, ist es eigentlich faszinierend, dass genau das auch bei unseren Hunden passiert. Auch ein Hund kommt nicht als fertiges Wesen auf die Welt. Er bringt genetische Voraussetzungen mit, sein Temperament und bestimmte Veranlagungen. Und dann beginnt sein Leben. Er macht Erfahrungen. Er lernt. Er wird geprägt.
Die ersten Wochen und Monate sind dabei natürlich besonders wichtig. Was erlebt ein Welpe? Welche Menschen lernt er kennen? Welche Hunde? Welche Umwelt? Darf er Dinge in seinem eigenen Tempo entdecken? Erlebt er Sicherheit und Vertrauen oder häufig Überforderung und Druck? Aber auch nach dieser frühen Zeit hört Lernen und Prägen nicht einfach auf. Jeder Hund sammelt im Laufe seines Lebens Erfahrungen, die beeinflussen, wie er die Welt wahrnimmt und welche Strategien er entwickelt.

Und irgendwann sehen wir vielleicht nur noch das Ergebnis dieser ganzen Geschichte.
Wir sehen den Hund, der bellt. Den Hund, der nach vorne geht. Den Hund, der sich zurückzieht.
Den Hund, der schnappt. Aber wir sehen nicht automatisch alles, was davor passiert ist.
Genau deshalb hat das Hundetraining mir dabei unglaublich viel über Menschen beigebracht. Denn wenn man beginnt, Hunde wirklich verstehen zu wollen, landet man irgendwann immer bei derselben Frage: Warum macht er das?

Warum bellt dieser Hund? Warum geht er nach vorne? Warum zieht er an der Leine? Warum rennt er weg? Warum schnappt er plötzlich? Warum kann er eine Situation an einem Tag aushalten und am nächsten überhaupt nicht? Warum macht er etwas, von dem wir doch eigentlich wissen, dass er es nicht soll?

Wir Menschen sind sehr schnell darin, Verhalten zu bewerten. Ein Hund ist „frech“, „stur“, „dominant“, „aggressiv“ oder „unerzogen“. Ein Mensch ist „unhöflich“, „egoistisch“, „kalt“ oder „schwierig“. Und vielleicht vergessen wir dabei manchmal, dass Verhalten niemals einfach nur Verhalten ist. Es hat eine Geschichte.

Ein Hund, der nach vorne geht, tut das nicht, weil er morgens aufgestanden ist und beschlossen hat, heute besonders schwierig zu sein. Vielleicht möchte er Abstand. Vielleicht fühlt er sich bedroht. Vielleicht hat er gelernt, dass sein Gegenüber verschwindet, wenn er sich entsprechend verhält. Vielleicht hat er in der Vergangenheit erlebt, dass andere Strategien nicht funktioniert haben. Ein Hund, der bellt, macht das nicht unbedingt, um uns zu ärgern. Vielleicht ist Bellen seine Möglichkeit, etwas auszudrücken. Vielleicht möchte er Aufmerksamkeit, Abstand, Nähe oder Sicherheit. Vielleicht ist er aufgeregt, überfordert oder frustriert.
Und deswegen ist die entscheidende Frage nicht: „Wie bekomme ich dieses Verhalten weg?“ Sondern: „Was versucht mir dieser Hund mit seinem Verhalten zu sagen?“

Und genau hier finde ich die Verbindung zwischen Mensch und Hund so faszinierend.
Wir alle greifen auf Strategien zurück. Wir Menschen werden laut, wenn wir uns nicht gehört fühlen. Wir ziehen uns zurück, wenn uns etwas zu viel wird. Wir versuchen, Kontrolle zu gewinnen, wenn wir uns hilflos fühlen. Wir vermeiden Situationen, die uns Angst machen. Wir suchen Nähe, wenn wir uns einsam fühlen. Und manchmal reagieren wir in bestimmten Situationen immer wieder auf dieselbe Art und wissen vielleicht selbst gar nicht genau, warum.
Nicht jede unserer Strategien ist sinnvoll. Nicht jede ist angemessen. Manche tun uns selbst oder anderen sogar weh. Aber sie sind nicht grundlos entstanden.

Und genau hier spielen unsere Erfahrungen und Prägungen eine so große Rolle. Wir sind als Erwachsene das Ergebnis von unglaublich vielen Dingen, die uns im Laufe unseres Lebens begegnet sind. Natürlich können wir Verantwortung für unser Handeln übernehmen und natürlich können wir lernen, uns zu verändern. Aber wir können unsere Geschichte nicht einfach ausblenden.

Genauso wenig können wir bei einem Hund einfach nur das Verhalten betrachten und seine gesamte Lerngeschichte ignorieren.
Vielleicht ist das einer der Gedanken, die ich aus dem Hundetraining am meisten mitgenommen habe: Verhalten hat einen Grund.

Das bedeutet nicht, dass wir alles akzeptieren müssen. Ein Hund darf beispielsweise nicht einfach einen Menschen beißen, nur weil wir verstehen können, warum er das tut. Genauso wenig müssen wir menschliches Fehlverhalten tolerieren, nur weil wir die Geschichte dahinter kennen. Aber wenn wir verstehen, warum etwas passiert, haben wir die Möglichkeit, wirklich etwas zu verändern.

Denn wenn ich nur das Verhalten bekämpfe, ohne zu verstehen, was dahinterliegt, nehme ich dem Hund möglicherweise seine Strategie – aber nicht das Bedürfnis, die Angst oder das Problem, das diese Strategie überhaupt erst notwendig gemacht hat.
Und vielleicht machen wir genau das auch im Umgang miteinander viel zu häufig.

Wir sehen einen Menschen und sehen sein Verhalten. Wir sehen, was er sagt, wie er reagiert, wie er mit anderen umgeht. Aber wir sehen nicht unbedingt, was davor war. Wir sehen nicht das Kind, das dieser Mensch einmal war. Wir kennen seine Prägungen nicht. Wir wissen nicht, welche Erfahrungen ihn begleitet haben oder welche Strategien er irgendwann entwickeln musste, um mit seinem Leben zurechtzukommen.

Wir kennen seine Geschichte nicht. Wir kennen sein Paket nicht.

Das soll kein Freifahrtschein sein. Aber vielleicht darf es eine Einladung sein, nicht ganz so schnell zu urteilen. Ich glaube, dass Empathie genau dort beginnt: Dort, wo wir bereit sind, uns einzugestehen, dass wir vielleicht nicht die ganze Geschichte kennen.
Denn vielleicht ist ein Mensch nicht einfach kalt.
Vielleicht hat er gelernt, Gefühle nicht zu zeigen.
Vielleicht ist jemand nicht einfach egoistisch.
Vielleicht hat er nie gelernt, die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen.
Vielleicht ist jemand nicht einfach schwierig.
Vielleicht fehlt ihm gerade eine andere Strategie.

Wir müssen nicht jedes Verhalten gutheißen, um den Menschen oder Hund dahinter verstehen zu wollen. Und vielleicht ist genau deshalb die Wahrheit für mich so wichtig. Mit Lügen kann ich wenig anfangen. Ich möchte wissen, was wirklich passiert ist – auch wenn die Wahrheit unbequem ist oder vielleicht nicht in das Bild passt, das ich mir von einem Menschen gemacht habe. Denn nur wenn wir ehrlich hinschauen, können wir auch wirklich verstehen. Verstehen bedeutet für mich nicht, eine Geschichte so lange zu verändern, bis sie uns gefällt. Es bedeutet, die Realität anzunehmen und trotzdem zu versuchen, den Menschen dahinter zu

Vielleicht gelingt uns dieser Blick sogar leichter bei Menschen, die uns nicht so nahestehen. Je näher uns jemand ist, desto mehr Erwartungen, Emotionen und eigene Erfahrungen mischen sich in unsere Wahrnehmung.

Und manchmal gilt das sogar für unsere eigenen Hunde. Gerade bei ihnen fällt es uns schwer, Verhalten einfach nur zu beobachten, weil wir selbst so stark beteiligt sind. Wir kennen ihre Eigenheiten, haben Erwartungen an sie und wünschen uns natürlich, dass bestimmte Dinge funktionieren. Vielleicht ist es deshalb gerade bei den Lebewesen, die uns am nächsten sind, besonders wichtig, immer wieder einen Schritt zurückzutreten und einen Moment Abstand zu gewinnen. Denn manchmal sehen wir erst dann wieder den Hund oder den Menschen vor uns – und nicht nur das Verhalten, das uns gerade selbst berührt.


Denn, wir sehen immer nur einen kleinen Ausschnitt. Einen Moment. Eine Reaktion.
Aber dahinter liegt eine ganze Geschichte. Und Verstehen bedeutet nicht Gutheißen.
Aber Verstehen kann der Anfang davon sein, dass Veränderung überhaupt möglich wird.
 
 
 

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