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Wie es ist, ich zu sein

  • vor 4 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit
Ich glaube, einer der Sätze, die ich in meinem Leben am häufigsten gehört habe, ist: „Du machst dir zu viele Gedanken.“ Früher habe ich das sogar geglaubt.
Heute glaube ich, dass ich mir nicht zu viele Gedanken mache. Ich fühle einfach zu viel.
Und manchmal ist das wunderschön. Aber ganz oft ist es auch verdammt schwer.

Als Kind habe ich Wimmelbücher geliebt. Ich konnte stundenlang darin versinken und jede einzelne Szene betrachten. Die Menschen lachten, die Kinder spielten, die Tiere standen auf grünen Wiesen und alles wirkte friedlich. Ich habe diese Bücher nicht nur angesehen, ich habe sie gefühlt. Ich konnte mich in diese Welt hineinversetzen und sie gab mir ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit.
Vielleicht habe ich deshalb so lange an diesem Bild festgehalten.
Vielleicht wollte ich glauben, dass die Welt wirklich so ist.
Dass die Kühe auf den Wiesen glücklich sind. Dass die Tiere, die wir lieben, auch von uns geliebt werden. Dass hinter den Zäunen keine Geschichten verborgen liegen, die wir lieber nicht hören wollen. Dass Leid immer irgendwo anders stattfindet.
Nicht hier. Nicht bei uns. Nicht in der Welt, die ich sehen wollte.

Viele Jahre habe ich es geschafft, diese Gedanken von mir fernzuhalten. Wenn mich etwas berührt hat, habe ich weggesehen. Wenn etwas unbequem war, habe ich versucht, mir zu erklären, warum es schon nicht so schlimm sein wird. Ich habe oft geschwiegen, weil ich Angst hatte, als überempfindlich zu gelten – nur weil mich das Leid eines Tieres genauso berührt wie das eines Menschen.
Heute weiß ich, dass das Wegsehen nur so lange funktioniert hat, bis ich dann wirklich hingesehen habe. Und wenn man einmal damit angefangen hat, kommt man schwer zurück.
Das Schwierige ist nicht, dass ich ständig traurig sein möchte. Das Schwierige ist, dass mich das Leben überall berührt.

Wenn andere Kälber auf einer Wiese sehen, sehen sie süße Tiere. Ich sehe sie auch. Aber ich sehe noch mehr. Ich sehe Lebewesen, die Freude empfinden, neugierig sind, Freundschaften schließen und leben wollen. Und gleichzeitig weiß ich, dass sie in wenigen Tagen geschlachtet werden. Während andere ein schönes Foto machen, kämpfe ich gegen Tränen.
Nicht, weil ich pessimistisch bin. Sondern weil ich fühle und in ihre Augen sehe.

Wenn ich in einer Stadt entlanglaufe, sehe ich nicht die schönen Häuser. Ich sehe den Hund, der bei Hitze neben seinem Menschen herläuft. Ich sehe, dass ihm zu heiß ist, oder Angst vor den vielen Menschen hat.
Wenn ich eine erschöpfte Biene auf dem Boden entdecke, kann ich nicht einfach weitergehen.
Wenn ich ein Kaninchen in einem kleinen Gehege sehe, denke ich nicht daran, wie niedlich es aussieht. Ich denke daran, wie gerne Kaninchen rennen, springen, graben und die Welt erkunden würden.
Wenn jemand sagt, ein Hund sei böse, sehe ich oft keinen bösen Hund. Ich sehe Angst. Überforderung. Missverständnisse. Ich sehe ein Lebewesen, das versucht, mit einer Situation klarzukommen, die vielleicht niemand wirklich verstanden hat.

Und manchmal frage ich mich, ob die Welt für andere tatsächlich so viel leiser ist als für mich.
Denn in meinem Kopf und in meinem Herzen ist ständig etwas los.

Jeden Tag fließen Tränen.
Manchmal, weil etwas wunderschön ist. Weil ein Hund endlich verstanden wird. Weil ein Tier Vertrauen fasst. Weil ich ein Video sehe, wie sich Freunde nach langer Zeit wiedersehen oder weil jemand Mitgefühl zeigt, obwohl Gleichgültigkeit einfacher gewesen wäre.

Viel öfter aber fließen sie, weil mich etwas traurig macht.
Weil ich einen Blick nicht vergessen kann. Weil mir ein Gedanke nachgeht.
Weil ich das Gefühl habe, dass so viele Lebewesen ihre Gefühle nicht zeigen dürfen oder dass niemand zuhört, wenn sie es doch tun.

Vielleicht ist genau das auch der Grund, warum ich Menschenmengen meide und mich zuhause am wohlsten fühle. Nicht, weil ich Menschen hasse. Nicht, weil ich unfreundlich bin.
Sondern weil die Welt da draußen manchmal unglaublich laut ist.

Menschen sagen oft, sie seien gerne unterwegs, mitten im Leben, mitten im Trubel. Für mich fühlt sich dieser Trubel oft an wie eine Flut aus Eindrücken, Gedanken und Gefühlen, die gleichzeitig auf mich einströmen. Ich nehme Stimmungen wahr, Spannungen, kleine Gesten, den Umgang miteinander, den Umgang mit Tieren, den Umgang mit allem, was lebt.
Während andere nach Hause kommen und den Tag hinter sich lassen, trage ich vieles noch lange mit mir herum.

Deshalb bin ich gerne zuhause. Weil meine kleine Welt hier für mich oft die einzige ist, die sich richtig anfühlt. Hier muss ich nicht erklären, warum eine Spinne nicht erschlagen wird, sondern vorsichtig nach draußen getragen wird.
Hier muss ich nicht erklären, warum Mäuse leben dürfen. Hier muss ich nicht erklären, warum ich kein Lebewesen bewerte. Hier darf einfach jedes Leben existieren.

Vielleicht klingt das für manche Menschen naiv. Für mich fühlt es sich nach Frieden an.
Denn draußen begegnen mir jeden Tag Dinge, die mein Herz schwer machen. Menschen, die Tiere lieben und ihnen trotzdem nicht zuhören. Menschen, die Angst mit Bosheit verwechseln. Menschen, die erklären, dass es „doch nur ein Tier“ sei.
Und jedes Mal frage ich mich, was sie sehen, was ich nicht sehe.
Denn ich habe nie verstanden, was mit diesem „nur“ gemeint ist.

Ich sehe kein „nur“. Ich sehe jemanden.
Jemanden, der Angst empfinden kann.
Jemanden, der Freude empfinden kann.
Jemanden, der leiden kann.
Jemanden, der sich sicher fühlen möchte.

Das Merkwürdige daran ist, dass ich keinen Unterschied mache.
Mein Herz macht keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier.
Ich weiß, wie sich Angst anfühlt. Deshalb erkenne ich Angst, auch wenn sie in den Augen eines Hundes liegt. Ich weiß, wie sich Schmerz anfühlt. Deshalb berührt mich Schmerz, egal ob er einen Menschen oder ein Tier trifft. Ich weiß, wie sich Hilflosigkeit anfühlt. Deshalb kann ich sie nicht übersehen. Für mich ist ein Gefühl ein Gefühl. Ein Leben ein Leben.

Vielleicht macht mich diese Sichtweise verletzlich.
Vielleicht wäre vieles leichter, wenn ich nicht ständig mitfühlen würde.
Vielleicht würde ich weniger weinen.
Vielleicht würde ich nachts besser schlafen.
Vielleicht würde ich über eine Wiese laufen und einfach nur die Sonne genießen.
Aber dann würde ich auch all das verlieren, was diese Empathie mir schenkt.
Die tiefe Verbundenheit. Das Staunen. Die Liebe. Die Fähigkeit, ein Lebewesen wirklich zu sehen.

Deshalb weiß ich nicht, ob Empathie ein Geschenk oder ein Fluch ist.
Ich glaube, sie ist beides.
Sie macht mein Herz oft schwerer, als ich es mir wünschen würde. Sie zeigt mir Dinge, die ich manchmal lieber nicht sehen möchte. Sie bringt mich regelmäßig zum Weinen.
Aber sie erinnert mich auch jeden Tag daran, dass wir nicht allein durch diese Welt gehen.
Dass jedes Lebewesen seine eigene Geschichte trägt.
Und dass die Fähigkeit, diese Geschichte zu erkennen, vielleicht schmerzhaft ist – aber niemals etwas, wofür ich mich schämen möchte.
Denn wenn ich eines nicht verlieren möchte, dann die Fähigkeit, zu fühlen.
Selbst dann nicht, wenn sie mir manchmal das Herz bricht.

Denn am Ende möchte ich lieber mit einem Herz leben, das manchmal zu viel fühlt, als mit einem, das gelernt hat, nichts mehr zu fühlen.

 
 
 

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