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Du musst das nicht alles alleine tragen

  • 5. Juli
  • 4 Min. Lesezeit
Ich "sehe" sie oft schon, bevor wir überhaupt miteinander sprechen. Frauen, die zu mir ins Hundetraining kommen und bei denen man merkt: Da ist schon lange "zu viel". Nicht unbedingt laut oder offensichtlich, sondern eher in einer Art innerer Schwere, die sich in den Schultern zeigt, im Blick, in der Art, wie sie Luft holen, bevor sie anfangen zu erzählen.

Und wenn sie dann erzählen, geht es selten nur um den Hund. Da ist ein Alltag, der voll ist bis obenhin. Kinder, die Aufmerksamkeit brauchen, ein Haushalt, der nie wirklich fertig ist, ein Job, der Leistung fordert, Termine, Organisation, mentale Listen, die ständig weiterlaufen. Und irgendwo dazwischen ein Hund, der eigentlich Freude bringen sollte – und manchmal einfach noch ein weiterer Punkt ist, der auch noch gut funktionieren muss.

Oft sagen sie es nicht direkt, aber es klingt zwischen den Sätzen mit: dass es zu viel ist. Dass sie sich bemühen, allem gerecht zu werden. Und dass sie gleichzeitig das Gefühl haben, nirgendwo wirklich hinterherzukommen.

Und ich glaube, ein Teil davon hat auch damit zu tun, in welcher Zeit und mit welchen inneren Bildern viele von uns aufgewachsen sind. Viele dieser Frauen haben als Kinder gelernt, dass Verantwortung schnell bei ihnen landet. Dass man funktioniert, organisiert, mitdenkt, sich kümmert – oft mehr, als es eigentlich altersgerecht gewesen wäre. Und dieses Muster verschwindet nicht einfach, nur weil wir erwachsen werden. Es läuft weiter, oft ganz selbstverständlich. Dazu kommt, dass wir uns bis heute manchmal schwer damit tun, Dinge wirklich abzugeben, Hilfe anzunehmen oder zuzulassen, dass nicht alles an uns hängen muss.

Dabei wäre genau das oft der entscheidende Unterschied. Eine Partnerschaft besteht idealerweise aus Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, nicht aus einer Person, die alles trägt und einer, die nur „mithilft“, wenn es gerade passt. Und trotzdem erlebe ich so oft, dass genau diese Lastverteilung im Alltag nicht so klar ist, wie sie eigentlich sein sollte.

Im Hundetraining wirkt das dann manchmal so, als ginge es nur um Verhalten. Der Hund zieht an der Leine, er bellt, er ist unsicher, er kann nicht gut allein bleiben oder reagiert in bestimmten Situationen überfordert. Aber sehr schnell wird klar, dass das Verhalten oft nur die Oberfläche ist von etwas, das viel tiefer sitzt. Der Hund lebt in einem System, das selbst keine Ruhe mehr hat. Und er reagiert darauf, wie ein sehr feines, ehrliches Wesen eben reagiert: auf Spannung, auf Unklarheit, auf Erschöpfung.

Und dann entsteht etwas, das ich häufig sehe: ein gegenseitiges Hochschaukeln. Der Hund zeigt Verhalten, das schwierig ist. Der Mensch wird unsicherer, angespannter, vielleicht auch frustrierter, weil er so viel versucht und es trotzdem nicht „besser“ wird. Und genau diese Anspannung kommt wieder beim Hund an. Nicht, weil jemand etwas falsch macht, sondern weil einfach zu wenig Luft im System ist.

Viele der Frauen, die ich begleite, haben einen sehr hohen Anspruch an sich selbst. Sie wollen es gut machen, fair sein, dem Hund gerecht werden, geduldig bleiben – und gleichzeitig im Alltag funktionieren, Verantwortung tragen und für andere da sein. Dabei gehen die eigenen Grenzen oft verloren, oder sie werden erst spürbar, wenn längst alles zu viel geworden ist.
Dabei ist es kein Zeichen von Scheitern, wenn es zu viel ist. Es ist eher ein sehr ehrlicher Hinweis darauf, dass ein Mensch gerade mehr trägt, als dauerhaft gut tragbar ist. Und ein Hund braucht in so einem Gefüge nicht noch mehr Druck oder noch mehr Training im klassischen Sinn. Er braucht vor allem Klarheit, Verlässlichkeit und ein Gegenüber, das wieder ein kleines Stück mehr bei sich selbst ankommt.

Oft verändert sich deshalb im Training nicht zuerst der Hund, sondern der Rahmen. Wenn Erwartungen ein bisschen kleiner werden dürfen. Wenn der Gedanke auftaucht, dass nicht jeder Tag ein Fortschrittstag sein muss. Wenn plötzlich Sätze möglich werden wie: Heute reicht es, wenn wir gemeinsam gut durch den Tag kommen. Oder: Wir machen es einfacher, nicht perfekter.

Und genau hier beginnt oft etwas sehr Entscheidendes: Ich versuche dann nicht, nur am Training zu arbeiten, sondern auch am Gefühl. Daran, wie sich der Alltag überhaupt anfühlt. Dass der Spaziergang mit dem Hund nicht als weiteres „Muss“ erlebt wird, sondern als kleine Auszeit für sie selbst. Ein Moment, der nicht zusätzlichen Druck macht, sondern ein kleines Stück Entlastung bringen darf. Wenn sich dieses Gefühl verändert, verändert sich oft mehr als jede einzelne Übung.

Denn wenn sie wieder mehr sieht, was gut läuft, wenn sie sich selbst wieder ein Stück besser spürt und nicht nur funktioniert, dann verändert sich auch die Wahrnehmung zwischen Mensch und Hund. Und damit verändert sich oft auch das Gefühl des Hundes. Nicht, weil wir direkt am Verhalten drehen, sondern weil sich das gesamte emotionale Umfeld verschiebt.
Und manchmal entsteht dabei ein sehr stiller, aber ehrlicher Gedanke: Der Hund zeigt nicht nur Verhalten. Er spricht gewissermaßen aus, wie es im Inneren dieses Systems gerade aussieht. Er reagiert auf Überforderung, auf Spannung, auf zu viel Verantwortung auf zu wenigen Schultern – und manchmal wirkt es so, als würde er genau das nach außen tragen, was im Menschen selbst keinen Raum bekommt.

Ich wünsche mir oft, dass diese Frauen sich selbst mit den Augen sehen könnten, mit denen ich sie sehe. Wie viel sie tragen. Wie viel sie schaffen. Und wie selbstverständlich sie funktionieren, ohne dass jemand wirklich sieht, wie viel Kraft das kostet. Und gleichzeitig wünsche ich mir, dass sie nicht das Gefühl haben müssen, all das alleine tragen zu müssen.

Denn genau darin liegt oft der größte Unterschied: nicht in mehr Leistung, sondern in mehr geteiltem Gewicht. In echter Unterstützung. In einem Alltag, der sich auf mehrere Schultern verteilen darf.

Es geht am Ende im Zusammenleben mit Hund nicht darum, alles richtig zu machen. Sondern darum, miteinander in einem echten Leben zurechtzukommen, das nicht immer ruhig, strukturiert und ideal ist – sondern voll, laut, fordernd und trotzdem verbunden.
 
 
 

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