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Warum Menschen Angst mit Respekt verwechseln
12. Juli
4 Min. Lesezeit
"Du bist zu nett zu deinen Tieren." - diesen Satz habe ich früher so oft gehört. Mal als gut gemeinten Rat, mal als Kritik, manchmal auch mit einem belustigten Lächeln. Fast immer steckt dieselbe Botschaft dahinter: Nett sein funktioniert nur so lange, bis man es mit einem „richtigen“ Tier zu tun bekommt. Mit einem Schäferhund. Mit einem Herdenschutzhund. Mit einem Pferd. Mit einem Rind. Dann, so heißt es, müsse man härter werden. Konsequenter. Strenger. Dann reiche Verständnis nicht mehr aus.
Interessant ist, dass sich die Tiere ändern, die Argumente aber immer dieselben bleiben. Beim Hund heißt es, er brauche eine starke Hand. Beim Pferd hört man, es würde einem sonst auf der Nase herumtanzen. Beim Rind wird erklärt, dass es Druck brauche, weil es so groß und stark sei. Und selbst bei Kaninchen begegnet man oft Unverständnis, wenn man sie fair behandelt und sie nicht einfach in einem Stall hineinpfercht.
Manchmal sind es auch die kleinen Dinge, an denen Menschen festmachen wollen, ob jemand seine Tiere „im Griff“ hat. Meine Hunde dürfen zum Beispiel auf die Couch. Kaum kommt das zur Sprache, höre ich oft: „Das dürften meine Hunde nie.“
Und jedes Mal denke ich: Das ist doch völlig in Ordnung. Aber was genau soll mir diese Aussage eigentlich sagen?
Denn ob ein Hund auf die Couch darf oder nicht, ist keine Frage von guter oder schlechter Erziehung. Es ist eine Hausregel. Nicht mehr und nicht weniger. Der eine Hund darf auf die Couch, der andere nicht. Manche Hunde dürfen ins Bett, andere nicht. Jede Familie hat ihre eigenen Regeln, ihre eigenen Gewohnheiten und ihre eigenen Grenzen.
Merkwürdig wird es erst dann, wenn aus einer persönlichen Regel plötzlich eine moralische Bewertung wird. Als wäre ein Hund automatisch besser erzogen, weil er auf dem Boden liegt. Oder als würde ein Hund, der auf dem Sofa schläft, gleich die Herrschaft über das Haus übernehmen.
Dabei hat die Frage, ob ein Hund auf die Couch darf, mit dem eigentlichen Thema kaum etwas zu tun. Denn Zusammenleben braucht selbstverständlich Regeln. Immer.
Das gilt für Menschen genauso wie für Tiere. In einer Partnerschaft gibt es Regeln des respektvollen Umgangs. Im Straßenverkehr gibt es Regeln, damit nicht jeder macht, was er möchte. Im Berufsleben gibt es Regeln, damit Zusammenarbeit funktioniert. Überall dort, wo Individuen zusammenleben, braucht es Grenzen, Rücksichtnahme und Orientierung.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Regeln notwendig sind. Die entscheidende Frage ist, wie wir sie vermitteln.
Denn Regeln werden nicht besser, weil sie mit Härte durchgesetzt werden. Ein Chef wird nicht kompetenter, weil er seine Mitarbeiter anschreit. Eine Partnerschaft wird nicht stabiler, weil ein Mensch den anderen einschüchtert. Und ein Kind lernt nicht automatisch mehr, nur weil es Angst vor Konsequenzen hat.
Warum also glauben wir so oft, dass genau das im Umgang mit Tieren notwendig sein soll?
Vielleicht weil wir Stärke häufig mit Härte verwechseln. Wer laut wird, wirkt entschlossen. Wer Druck ausübt, scheint Kontrolle zu haben. Wer ein Verhalten sofort stoppen kann, wird oft als besonders konsequent wahrgenommen.
Doch ein Verhalten zu stoppen und ein Problem zu lösen sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Ein Hund, der aus Angst gehorcht, hat nicht gelernt, seinem Menschen zu vertrauen. Ein Pferd, das sich unter Druck fügt, hat nicht automatisch verstanden, was von ihm erwartet wird. Ein Rind, das sich treiben lässt, tut das nicht unbedingt, weil es kooperieren möchte.
Angst kann Verhalten unterdrücken. Druck kann Verhalten unterdrücken. Gewalt kann Verhalten unterdrücken. Aber nichts davon beantwortet die Frage, warum ein Tier überhaupt so handelt, wie es handelt. Gerade deshalb überzeugt mich das Argument nicht, dass man mit Freundlichkeit bei bestimmten Tieren nicht weit komme.
Oft wird mir erklärt, ich würde anders denken, weil ich die wirklich schwierigen Fälle nicht kennen würde. Weil ich nicht wüsste, wie stark ein Schäferhund sein kann. Wie gefährlich ein Rind werden kann. Wie herausfordernd manche Tiere sind.
Doch genau das ist für mich kein Argument gegen Freundlichkeit, sondern eines für sie.
Respekt sollte nicht nur für die einfachen Fälle gelten. Nicht nur für die Tiere, die ohnehin tun, was wir von ihnen erwarten. Respekt zeigt sich gerade dann, wenn ein Tier uns herausfordert. Wenn es unsicher ist. Wenn es Angst hat. Wenn es unerwünschte Verhaltensweisen zeigt. Wenn es groß, stark oder schwer einzuschätzen ist.
Denn in diesen Momenten entscheidet sich, worauf unsere Beziehung aufgebaut ist.
Auf Angst oder auf Vertrauen.
Auf Einschüchterung oder auf Verständnis.
Auf Macht oder auf Kommunikation.
Natürlich bedeutet das nicht, dass Tiere keine Grenzen brauchen. Ganz im Gegenteil. Klare Regeln geben Sicherheit. Sie schaffen Orientierung und machen Zusammenleben überhaupt erst möglich. Aber Grenzen und Freundlichkeit schließen sich nicht aus. Verständnis und Konsequenz schließen sich nicht aus. Respekt und Führung schließen sich nicht aus.
Vielleicht ist das das größte Missverständnis überhaupt: die Vorstellung, man müsse sich zwischen Freundlichkeit und Klarheit entscheiden.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass beides zusammengehört.
Meine Tiere dürfen Bedürfnisse haben. Sie dürfen Fehler machen. Sie dürfen lernen. Und sie dürfen darauf vertrauen, dass ich versuche, sie zu verstehen.
Gleichzeitig gibt es Regeln. Grenzen. Erwartungen.
Aber diese Regeln sollen nicht aus Angst befolgt werden.
Sondern aus Vertrauen.
Deshalb werde ich wahrscheinlich auch in Zukunft hören, dass ich „zu nett“ zu meinen Tieren bin. Und ehrlich gesagt kann ich damit gut leben.
Denn wenn "nett sein" bedeutet, Tiere als fühlende Lebewesen zu betrachten, ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen, klare Regeln fair zu vermitteln und auf Einschüchterung zu verzichten, dann bin ich lieber zu nett als unnötig hart.
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